Ausstieg vor dem Einstieg

von Katharina Brand-Parteck

Salafismus: Projekt »Wegweiser« soll Radikalisierung verhindern

Foto: Bärbel Hillebrenner, Westfalen-Blatt
Von Bärbel Hillebrenner
 
Kreis Herford(HK). 700 Menschen sind in NRW als gewaltbereite Salafisten bekannt – und ihre Zahl nimmt zu. Damit Jugendliche nicht in eine Radikalisierung abrutschen, gibt es das Projekt »Wegweiser«, das seit April unter Trägerschaft der Arbeiterwohlfahrt auch in Herford arbeitet.

Der 13-jährige Cem gibt seiner Lehrerin nicht mehr die Hand. Er lässt sich einen Bart wachsen, geht öfter als sonst in die Moschee. Seine Mutter hat Angst, dass ihr Sohn in die radikale, gewaltbereite Salafisten-Szene abgleiten könnte. Dieser Fall ist konstruiert – aber durchaus realistisch. »Wir hatten mehrere Anfragen von besorgten Müttern und Vätern. Dennoch muss man genau aufpassen, ob tatsächlich Anzeichen einer Radikalisierung bestehen«, berichtet Iris Wolter. Sie ist Leiterin der AWO-Migrationsdienste und Ansprechpartnerin für das dreiköpfige Berater-Team bei »Wegweiser«.

Die zwei Männer und eine Frau – sie wollen anonym bleiben – haben selbst einen Migrationshintergrund, sprechen auch Englisch, Französisch, Türkisch und Arabisch. So können sie leichter jene Jugendlichen erreichen, die möglicherweise von Salafisten angeworben werden. Zudem haben die Berater Erfahrung in der Arbeit mit Geflüchteten und Migranten und aufgrund ihrer Ausbildung Kompetenzen in Religionspsychologie und islamische Theologie. Möglichen Auslösern für ein Abrutschen in die Salafisten-Szene kann die Beratungsstelle entgegenwirken (siehe Kasten). Das Ziel lautet »Ausstieg vor dem Einstieg«. Symptome, die von besorgten Anrufern – oft auch anonym – genannt werden, werden besprochen und aufgearbeitet. Vertraulichkeit sei immer gewährt. »Wir geben keine Namen an den Staatsschutz weiter«, sagt Iris Wolter.

Der SPD-Landtagsabgeordnete Christian Dahm, selbst Polizist, sagt, dass NRW zwar die größte Gruppe gewaltbereiter Salafisten aufweise, der Kreis Herford jedoch keine Salafisten-Hochburg sei. Dahm: »In OWL sind es etwa 150 Personen.« Dennoch müsse Präventionsarbeit rechtzeitig geleistet werden, nicht nur in den Großstädten, sondern auch in ländlichen Regionen.

Das »Wegweiser«-Team hat seit April mit zahlreichen Netzwerkpartnern im Kreis Herford Kontakt aufgenommen: mit Jugendämtern, Schulen, Jobcenter, Migrationsdiensten. »Aus diesen Gruppen kommen überwiegend Hinweise auf mögliche Radikalisierungstendenzen«, berichten die Berater. Mit großer Vorsicht werde das Umfeld des betroffenen Jugendlichen analysiert, Gespräche mit Eltern, Freunden, Lehrern und letztendlich mit dem Jugendlichen selbst geführt. Äußere Anzeichen oder Wesensveränderungen seien noch keine Beweise. »Nur weil jemand plötzlich viel betet, ist er noch lange nicht gefährdet«, sagt Iris Wolter.

 

Westfalen-Blatt Herford, 23. August 2017

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