Pressespiegel:

  • Herford, 24. April 2010

„Das soziale Gefüge ist wichtig“

INTERVIEW: SPD-Landtagskandidat Christian Dahm über seine politische Prägung, die Firma Westerwelle und die SPD im Wahlkreis

Christian Dahm: Als Polizeibeamter hat der 46-Jährige Region und Menschen kennen gelernt, schon sein Elternhaus war sozialdemokratisch geprägt. FOTO: RALF BITTNER
Herford. Christian Dahms zentrale Themen sind Arbeit, Bildung und soziale Gerechtigkeit. Für den 46-Jährigen, der mit seiner Familie in Exter lebt, gehören dazu finanzstarke Kommunen, der kostenlose Zugang zur Bildung und ein sicheres, zuverlässiges und bezahlbares Gesundheitswesen. Wer Vollzeit arbeitet, muss von seinem Lohn anständig leben können, sagt er. Zuhören, Offenheit, Transparenz und praktisches Miteinander prägen seine politische Arbeit seit mehr als 20 Jahren.

Herr Dahm, haben Sie politische Vorbilder?

CHRISTIAN DAHM: Das würde bedeuten, dass ich andere kopiere . . . das wohl nicht. Politisch geprägt hat mich mein Elternhaus: Mein Vater gehörte für die SPD dem Herforder Kreistag an. Politik war daher häufig ein Thema bei uns Zuhause. Mein Großvater war Hausmeister im Gewerkschaftshaus des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Mit Bruno Wollbrink habe ich schon 1974 Flyer verteilt. Als ich 1989 in die SPD eingetreten bin, sagte der ehemalige Landrat Gerd Wattenberg: ,Das wurde auch langsam Zeit.’ Imponiert hat mir die menschliche, herzliche Art von Johannes Rau: Er war immer bodenständig, hat auch mit dem kleinen Mann zusammen Skat gespielt.

Welche Rolle hat ihr Beruf bei Ihrer sozialdemokratischen Prägung gespielt?

DAHM: Als Polizist bin ich vor allem mit Menschen zusammen, die Hilfe benötigen, die in Not geraten sind, die in Unfälle verwickelt sind. Da habe ich es mit häuslicher Gewalt zu tun gehabt, mit Brutalität und Respektlosigkeit, dadurch kenne ich auch das Umfeld des Herforder Bahnhofs und der Diskotheken. Einige Familien habe ich lange begleitet, auch einen Fall, in dem eines der Kinder durch plötzlichen Kindstod starb. Das ist manchmal sehr belastend. Wir haben zu Hause viel darüber gesprochen. . . . Ich habe immer versucht, sozial gerecht zu handeln.

Warum sind Sie Polizist?

DAHM: Das war mein Traumberuf. Ich habe immer gesagt: Da will ich hin. Einige Jahre habe ich meine Dienstzeit mit dem Motorrad versehen. Diese Zeit gehört mit zu den schönsten in meinem Beruf. Mit zunehmendem Alter wird man sich dann mehr der Gefahren des Motorradfahrens bewusst.

Welche Rolle hat der Fußball in Ihrem Leben gespielt?

DAHM: Das Vereinsleben, der Kontakt in der Gruppe und die Gemeinschaft sind mir wichtig. Ich bin, glaube ich, im Juni vergangenen Jahres zum letzten Mal dazu gekommen, selbst zu spielen. Aber den Sport begleite ich, er ist ein Brückenschlag zum Ehrenamt, das für viele unsichtbar ist. Außerdem war ich viele Jahre Jugendtrainer.

Warum?

DAHM: Die Aufgabe habe ich übernommen, als mein Jüngster mit fünf Jahren anfing zu spielen. Kinder und Jugendliche müssen das soziale Gefüge kennen lernen. Dabei übernimmt der Sport eine wichtige soziale Aufgabe – und als Trainer ist man Ansprechpartner, Therapeut, Psychologe, Banker, Versorger: Manche Kinder kommen mit leerem Magen zum Turnier, da schmiert man ihnen vorher ein Butterbrot. Solche Situationen führen einem die soziale Schieflage vor Augen. Es ist eine tolle Erfahrung, zu sehen, was aus diesen Kindern geworden ist . . . oder auch nicht. Aber diese Erfahrung möchte ich nicht missen.

Sie scheinen vielen Menschen begegnet zu sein, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.

DAHM: Daher gab es zur SPD nicht viele Alternativen.

Sie hätten doch auch Grüner werden können . . .

DAHM: Das kam für mich nicht in Frage: Als Polizist war ich viel bei Demonstrationen gegen Atomkraftwerke eingesetzt, die von den Grünen initiiert wurden. Heute sage ich: Die Demos waren richtig, die SPD hätte sich damals schon ökologisch ausrichten müssen. Aber damals gingen mir die Einsätze auf den Keks.

Wie haben Sie sich in die politische Arbeit eingefunden?

DAHM: Man wächst mit den Aufgaben. Anfangs haben wir mit Eltern einen Spielplatz hergerichtet, den die öffentliche Hand nicht instandsetzen konnte. Dann habe ich den Ortsverein in Exter übernommen und in Vlotho Fuß gefasst, ich war schnell Mitglied im Bauausschuss. Das konnte ich gut mit meinen beruflichen Erfahrungen verbinden. Dabei habe ich das politische Geschäft in der Fraktion kennen gelernt: Wie macht man’s? Durch Verhandeln und Gestalten, eben nicht nur durch Fordern.

Das ist in den eigenen Reihen leichter als mit dem politischen Gegner.

DAHM: Da muss man sich behaupten können, selbstbewusst auftreten, den politischen Gegner überzeugen. Da zählen Argumente. Da muss man in der Sache das Ziel vor Augen haben und dann Kompromisse machen. Aber gerade in den Kommunen stehen die Sachthemen im Vordergrund, das ist überwiegend gelungen. Was folgt, ist manchmal ein zähes Geschäft: Viele Lösungen scheitern am Geld, an Grundstücken, an bürokratischen Verfahren, was mich auf die Palme bringen kann. Wer Politik macht, muss Ausdauer haben.

Ein Wort zur Firma Westerwelle in Herford. In den Auseinandersetzungen haben Sie ja einen Vermittlungsversuch unternommen . . .

DAHM: Der Fall zeigt, wie wichtig Gewerkschaften und Betriebsräte sind, damit Arbeitgeber nicht einseitig ihre Stärke ausspielen. Der Fall zeigt auch, wie wichtig die Forderung nach einem Mindestlohn ist. Viele Unternehmen sehen Betriebsräte ja zu Unrecht als Widerstand gegen die Betriebsführung. Deshalb verstehe ich den Mitgliederschwund bei den Gewerkschaften auch nicht.

Wie sehen Sie die SPD im Wahlkreis?

DAHM: Sie ist gut aufgestellt, es hat einen guten Verjüngungsprozess gegeben mit einem Bundestagsabgeordneten, der Anfang 30 ist und einem künftigen Landtagsabgeordneten, der Mitte 40 ist (grinst). Die SPD wird zu ihrer alten Stärke in diesem Wahlkreis zurückfinden. Ich glaube daran, dass die Menschen eine sozialere Politik wollen. Was sie nicht wollen, ist Klientelklüngel und Käuflichkeit.

Fest in der Region verankert

Christian Dahm ist in Herford geboren und aufgewachsen. Der Vater von zwei erwachsenen Söhnen im Alter von 21 und 23 Jahren wohnt seit inzwischen 26 Jahren mit seiner Familie in Vlotho.

Als Polizeibeamter hat der 46-Jährige mehrere Jahre bei der Kreispolizeibehörde Herford seinen Dienst versehen, fuhr in dieser Zeit auch in Herford, Enger, Hiddenhausen und Vlotho Streife. Er kennt seinen Wahlkreis daher sehr genau. Von 1993 bis 2006 war er in verschiedenen Funktionen bei der Autobahnpolizei eingesetzt (Herford-Ost und Stukenbrock) und ist heute in Bielefeld tätig. Seit 20 Jahren ist Dahm Mitglied der SPD. Er war sechs Jahre Ortsvereinsvorsitzender in Exter, mehrere Jahre stellvertretender Stadtverbandsvorsitzender. Seit mehr als 15 Jahren ist er Mitglied der SPD-Ratsfraktion Vlotho, seit acht Jahren deren Vorsitzender. Bei der Kommunalwahl 2009 gewann er seinen Wahlkreis mit 41 Prozent der Stimmen direkt. Seit zwei Jahren ist er Mitglied des SPD-Kreisvorstandes. Dahm gehört seit 30 Jahren der Gewerkschaft der Polizei an. Er ist Mitglied mehrerer Förder-, Partnerschafts- und Sportvereine. Im Dorfarbeitskreis ist er seit Jahren verantwortlich für die Organisation und Gestaltung des Vlothoer Weihnachtsmarktes. Engagiert hat sich Dahm unter anderem im Aktionsbündnis gegen das Collegium Humanum.