Pressespiegel:
Dahm mit 5.000 Stimmen vorn
Der Polizeibeamte aus Vlotho vertritt den Wahlkreis Herford I im neuen Landtag

Herford. „Ach ja, meinen Hochzeitstag habe ich heute auch“, sagt Christian Dahm beiläufig – und lacht entspannt. Als wenn dem SPD-Mann neun Wochen Dauerwahlkampf am Stück nichts ausgemacht hätten. Seit gestern Abend ist der 46-jährige Polizeibeamte aus Vlotho Mitglied des nordrhein-westfälischen Landtags, mit höchster Wahrscheinlichkeit als Angehöriger des Regierungslagers.
Noch am Sonntagmorgen und den ganzen Samstag sowieso hatte er mit seinen Söhnen Muttertagsherzen verteilt, zuletzt am Herforder Bahnhof: um die letzten Unentschlossenen noch zur Teilnahme an der Wahl zu bewegen. Dahm, darüber sind sich Freund und Feind einig, hat mit seinem jungen Team einen minutiös geplanten, bis zur letzten Sekunde präsenten Wahlkampf geführt.
Das hat nicht gereicht, der SPD im Wahlkreis Herford/Vlotho/Enger/Hiddenhausen neuerliche Stimmenverluste zu ersparen. Doch den 2005 an die CDU verlorenen, zuvor stets „roten“ Wahlkreis hat er glanzvoll zurück gewonnen – mit 5.000 Stimmen Vorsprung gegen eine jüngere, menschlich nicht minder sympathische und ebenfalls sehr präsente Kontrahentin, Angela Thiele.
Die Wahlparty gestern Abend im Kreishaus bezog ihre Spannung nicht aus dem örtlichen Wahlgeschehen – das war mit den ersten Hochrechnungen geklärt. Allenfalls in Nuancen würde es vor Ort Abweichungen geben:
Die SPD verlor am Ende im Wahlkreis Herford I nur halb soviel wie im Landesdurchschnitt, die CDU minimal mehr als im NRW-Mittel. Die Grünen vor Ort bewegten sich exakt im Landestrend. Und die Linke lag mit ihren Zweitstimmen nur hauchdünn hinter, mit ihren Erststimmen sogar vor der vor acht Monaten noch auftrumpfenden FDP. Doch so richtig freuen mochte sich lange Zeit in Herford niemand. Zu verblüffend war der Absturz der CDU, zu unklar die Folgen für die Landespolitik. Klare Worte fand Ex-Bundespolitiker Dr. Reinhard Göhner (CDU): Der schlechte Start der Merkel-Westerwelle-Regierung, die Vertrauens-Verstöße der Landes-CDU und die Versäumnisse der Kanzlerin beim Euro-Krisenmanagement sind’s gewesen. Andere in der CDU argwöhnen, dass landes- und bundespolitische Fehler sich irgendwie die Waage gehalten hätten.
Der direkt gewählte Christian Dahm, der ein bisschen so aussieht wie RTL-Moderator Peter Klöppel, lenkte seine Gedanken derweil vorsichtig in die Zukunft. Es wird sich viel verändern in seinem Leben; aus dem ehrenamtlichen Fraktionschef im Vlothoer Rat wird ein Berufspolitiker. Dienstag geht’s nach Düsseldorf zur ersten SPD-Fraktionssitzung. Nächste Woche wird er seine Polizeiuniform und seine Dienstwaffe in Bielefeld abgeben: Dann folgen, mindestens, fünf Jahre Leben zwischenWeser und Rhein, Vlotho und Düsseldorf. „Wir haben die Kinder groß, wir sind vorbereitet, wir können das gemeinsam wuppen“, sagt Ehefrau Christiane kämpferisch.
Inzwischen ist der Jubel der im Kreishaus stark vertretenen SPD doch größer geworden: Umarmungen, Schulterklopfen, Dank an die treuen Mitkämpfer, Gratulationen von den Mitbewerbern – und dann gibt es auch noch Blumen, mehr als sonst an einem Hochzeitstag.
KOMMENTAR
Christian Dahm (SPD) gewinnt im Wahlkreis Herford I
Persönlicher Erfolg
BARBARA GLOSEMEYER
Der Kreis Herford ist nach fünfjähriger Unterbrechung wieder in sozialdemokratischer Hand. Die SPD hat nach ihrer Wahlschlappe im Jahr 2005 wieder Fuß gefasst, die CDU muss zweistellige Verluste hinnehmen. So weit spiegelt das Ergebnis im Wahlkreis Herford I (nur) den Landestrend wieder.
Das Erststimmen-Ergebnis zeigt aber auch, dass Christian Dahm als Persönlichkeit überzeugen konnte. Aus dem Stand hat er 45,4 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen können und liegt damit fast zehn Prozent über dem Zweitstimmen-Ergebnis der SPD auf Landesebene. Das schafft nur jemand, der das Vertrauen der Menschen gewinnt und dort solidarisch ist, wo es wichtig und konkret wird.
Zum Beispiel beim Betonwerk Westerwelle: Der Kampf der Mitarbeiter hat vielen Menschen direkt vor ihrer Haustür deutlich gemacht, was es bedeutet, wenn ordentliche Arbeit nicht ordentlich bezahlt wird und Arbeitnehmerrechte ausgehebelt werden. Wer in einer solchen Situation an der Seite der Mitarbeiter steht, punktet mehr als jeder noch so gute Wahlkampfredner. Gleiches gilt auch für die Linke imWahlkreis, die jetzt gemeinsam mit der SPD mehr als 50 Prozent der Wähler vertritt.
Bitter ist der Wahlausgang für die CDU-Kandidatin. Sie hat hart gekämpft und wollte als junge Frau neue Wähler für die CDU gewinnen. Möglicherweise hat man ihr nicht genügend Durchsetzungskraft zugetraut. Mehr als das hat ihr aber sicherlich die schwarz-gelbe Bundes- und Landespolitik einen Strich durch die Rechnung gemacht. Sie wird ihre zweite Chance bekommen, um sich als Politikerin profilieren zu können.
barbara.glosemeyer@ihr-kommentar.de
Artikel 10.05.2010 Neue Westfälische Herforder Kreisanzeiger







